Ein Kirchturm auf Wanderschaft

 

Für Kranführer Uwe Meyer war es eigentlich "eine Hubleistung wie jede andere auch". Ungewöhnlich war für ihn nur die große Zahl der Zuschauer und das Kamerateam des Bayerischen Fernsehens, das gestern mitdrehte, als Meyer mit seinem Spezialkran das komplette Dach des Willmersreuther Kirchturms am Stück hochhob und sicher auf einer Plattform auf dem Friedhof platzierte.

Bereits gegen 7 Uhr begannen die Aufbauarbeiten für den Kran, die etwa zweieinhalb Stunden in Anspruch nahmen. Der Koloss, der aus Hof angereist war, musste über das Kirchenschiff hinweg die über 15 Meter hohe Spitze des Kirchturms, die 8,5 Tonnen wiegt, anheben und auf dem Friedhof wieder absetzen. "Alles hat so geklappt, wie es geplant war", war Meyer mit dem Ablauf der Aktion zufrieden.

Abriss
Die Zimmerleute der Firma Stenglein lösen den Turm von seinem morschen Unterbau.

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Der gesamte Turm schwebt frei über dem Kirchenschiff.

Warum die aufwändige Maßnahme an dem Turm? "Das Fachwerk in der Etage unter der Turmspitze, wo Uhr und Glo­cken untergebracht sind, war bereits bei der letzten Sanierung beschädigt. Aber statt es zu sanieren, wurde es mit Schiefer zu­gehängt", erklärt Günther Stenglein von der gleichnamigen Zimmerei. So sei durch Pilze "Würfelbruch" entstanden, auch andere Holzschädlinge waren am Werk. "Die hatten Jahrzehnte lang Zeit, alles kaputt zu machen."

Diese Etage muss nun hergerichtet werden. Wegen der Standsicherheit ist das aber nur möglich, wenn die Turmspitze nicht mehr mit ihrem Gewicht auf den Mauern lastet. Um die Spitze hochzuheben, wurden vier Stahlträger über Kreuz ein­gebaut (so genannte Traversen). Daran wurde das Gehänge für den Kran angebracht.

"In fünf bis zehn Jahren wäre der Turm wahrscheinlich umgestürzt". (Bauleiter Erich Luthardt)

Der Mega-Kran stammt von der Firma Klug aus Hof, er bringt inklusive Gegengewichte 144 Tonnen auf die Waage und kann bis zu 220 Tonnen heben. Ein fünfstündiger Einsatz schlägt mit 6000 Euro zu Buche. "In fünf bis zehn Jahren, wäre der Turm wahrscheinlich umgestürzt, er hatte sich jetzt schon um 15 Zentimeter abgesenkt", erklärte Ingenieur Erich Luthardt vom Kulmbacher Büro iplan, das für Bauleitung, Planung und Sicherheitskoordination verantwortlich zeichnet. Und auf die Sicherheit wurde bei den Vorbereitungen größter Wert gelegt: "Wir haben mit den höchstmöglichen Werten gerechnet, weil wir kein böses Erwachen erleben wollten."

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Der Turm schwebt langsam nach unten

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und wird neben der Kirche auf einen Podest abgesetzt.

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Die Willmersreuther Kirche ohne Turm

Um die Dimension etwas zu verdeutlichen, stellt der Fachmann klar: "In der Turmspitze sind 600 laufende Meter Holz verbaut. Man sich kaum vorstellen, das so viel Holz da drin steckt." Für die Sanierung des Kirchturms sind 265 000 Euro angesetzt. Bis Ende September/Mitte Oktober sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Beteiligt sind neben den genannten Un­ternehmen noch die Firma Dürr aus Rothenburg ob der Tauber (Glockenstuhl), die Dachdeckerei Eber (Kulmbach), die Baufir­ma Popp (Kulmbach, Sandsteinsanierung) und Gerüstbau Lakner (Münchberg).

Jürgen Gärtner, Bayerische Rundschau vom 01.08.2008